Nach diesem langen, heißen, trockenen Sommer sehne ich mich nach Wind und Feuchtigkeit und nach kühler Luft, in der ich wieder tief durchatmen kann. Nach Spaziergängen, die nicht schon am frühen Morgen anstrengend werden – und danach, mich wieder länger auf etwas konzentrieren zu können.
Ich freue mich darauf, nicht mehr bei 35 Grad im Wetterbericht zu hören, dass bereits die nächste Hitzewelle auf uns zurollt. Allein die Aussicht auf weitere sehr heiße Tage hat bei mir Anspannung ausgelöst. Dieses Gefühl, dass es so warm werden könnte, dass selbst die leichteste Kleidung noch zu viel ist und man der Hitze kaum ausweichen kann, hat mir manchmal regelrecht Angst gemacht.
In den vergangenen Wochen habe ich meinen ganzen Alltag um die Temperaturen herum geplant. Wann kann ich noch mit dem Hund spazieren gehen? Wann kann ich mich konzentrieren? Was muss früh am Morgen erledigt werden? Welche Termine und Aufgaben sollte ich besser verschieben? Was kann ich in meinem großen klimatisierten Praxisrum durchführen?
Vieles, was sonst selbstverständlich zu meinem Tagesablauf gehört, war plötzlich nicht mehr zur gewohnten Zeit möglich. Dadurch geriet auch mein Biorhythmus durcheinander. Obwohl ich versucht habe, mich möglichst gut an die Hitze anzupassen, fühlte ich mich zunehmend kaputt und ausgelaugt.
Auch meine Prioritäten haben sich verschoben. Das ständige Gießen musste Vorrang bekommen, verbunden mit der Sorge, ob unsere Wasservorräte ausreichen würden. Solche Aufgaben ließen sich nicht einfach auf später verschieben. Sie mussten erledigt werden – unabhängig davon, was ich eigentlich geplant hatte oder wofür ich meine Energie lieber eingesetzt hätte.
Ein heißer Sommer bedeutet deshalb nicht für alle Menschen nur Leichtigkeit, Urlaub und lange Abende im Freien. Anhaltende Hitze kann körperlich und seelisch sehr fordernd sein. Der Körper muss seine Temperatur regulieren, der Kreislauf wird stärker beansprucht und warme Nächte können den Schlaf beeinträchtigen. Gleichzeitig erfordert der Alltag viel zusätzliche Organisation.
Unser autonomes Nervensystem steuert viele Vorgänge, über die wir nicht bewusst nachdenken müssen. Dazu gehören unter anderem Kreislauf, Atmung, Verdauung, Schweißproduktion und die Regulation unserer Körpertemperatur.
Bei großer Hitze ist dieses System fortlaufend damit beschäftigt, den Körper an die äußeren Bedingungen anzupassen. Gleichzeitig beobachtet unser Gehirn, was die Situation für uns bedeutet. Wenn Hitze wiederholt als belastend erlebt wurde, kann bereits die Ankündigung der nächsten Hitzewelle eine innere Reaktion auslösen.
Das Nervensystem beginnt dann gewissermaßen vorauszuplanen: Was kommt auf mich zu? Wie muss ich meinen Tag verändern? Was könnte schwierig werden? Diese Erwartungsanspannung bindet Aufmerksamkeit und Energie, noch bevor der heiße Tag überhaupt begonnen hat.
Wenn es im Herbst dauerhaft kühler wird, gibt es im Nervensystem keinen Schalter, der plötzlich von Anspannung auf Entspannung umgelegt wird. Aber viele Belastungen und Alarmsignale fallen allmählich weg. Der Körper muss weniger Energie für die Temperaturregulation aufwenden. Der Tagesablauf muss nicht mehr um die heißesten Stunden herum organisiert werden. Das Gießen und die Sorge um die Wasservorräte verlieren ihre Dringlichkeit.
Das Nervensystem erhält zunehmend die Information: Ich muss mich nicht mehr ständig auf die nächste Belastung vorbereiten.
Diese Entlastung bedeutet nicht unbedingt, dass sofort neue Energie da ist. Manchmal wird die Erschöpfung sogar erst richtig spürbar, wenn eine länger andauernde Anspannung nachlässt. Das System braucht Zeit, um sich zu beruhigen und wieder in einen vertrauteren Rhythmus zurückzufinden.
Nach und nach können jedoch Kapazitäten frei werden, die während der Hitze gebunden waren: für Konzentration, vorausschauendes Planen und für Aufgaben, die warten mussten. Vielleicht auch für Bewegung, Begegnungen, neue Ideen und die Frage, was in den kommenden Wochen wirklich wichtig sein soll.
Gleichzeitig bringen die kürzer werdenden Tage eine weitere Umstellung mit sich. Licht ist ein wichtiger Taktgeber für unseren Schlaf-Wach-Rhythmus. Deshalb kann sich der Übergang in den Herbst zugleich erleichternd und etwas müde anfühlen. Auch daran darf sich der Körper langsam anpassen.
Der Herbst muss für mich deshalb nicht sofort für neuen Schwung, volle Terminkalender und große Vorhaben stehen. Nach diesem Sommer wünsche ich mir zunächst, zu meinem gewohnten Rhythmus zurückzukehren.
Ich möchte wieder spazieren gehen können, ohne den Tagesablauf an der Hitze auszurichten. Ich möchte mich hinsetzen und bei einer Sache bleiben können. Ich möchte planen, weil ich etwas gestalten will – und nicht, weil ich auf die nächste Wettervorhersage reagieren muss.
Vielleicht besteht der Übergang in den Herbst gerade darin: wahrzunehmen, was der Sommer körperlich und seelisch hinterlassen hat, und nicht sofort neue Anforderungen an sich zu stellen. Dem eigenen System Zeit zu geben, sich zu beruhigen. Wieder regelmäßiger zu schlafen, sich wohltuend zu bewegen und Schritt für Schritt zum eigenen Rhythmus zurückzufinden.
Ich möchte deshalb in diesem Jahr dafür sorgen, dass sich der nahende Herbst für mich nicht wie ein Abschied vom Sommer anfühlt. Ich möchte ihn vielmehr als eine Zeit des Aufatmens begrüßen – als eine Zeit, in der sich mein System beruhigen und ich Schritt für Schritt zu meinem eigenen Rhythmus zurückfinden kann.